Ich bin Journalistin, keine Maschine


Von Sandra Gloning, Projektmanagement

14. Februar 2019 Eine gute Journalistin ist neutral und meinungslos. Sie berichtet objektiv und ohne zu bewerten. Sie gibt jeder Seite einer Geschichte denselben Raum. Eine gute Journalistin lässt ihre Lesenden nicht wissen, welche Meinung sie vertritt. Summa summarum: Eine gute Journalistin ist eine Maschine.

Was würde es über eine Journalistin aussagen, die nach stundenlanger Recherche und Gesprächen immer noch keine Ahnung hat, wie sie über ein Thema denkt?
Sandra Gloning, Projektmanagement

Spezialist ohne Meinung?
Denn das Konzept der Objektivität spricht der Journalistin ihre Menschlichkeit ab. Es erwartet, dass man sich stundenlang mit einem Thema beschäftigt, rein recherchiert und am Ende trotzdem völlig ohne Meinung da steht. Es erwartet, dass man mit keiner Seite mehr sympathisiert, dass man seine eigene Persönlichkeit völlig ausblendet und seine Gefühle abschaltet. Was würde es über eine Journalistin aussagen, die nach stundenlanger Recherche und Gesprächen immer noch keine Ahnung hat, wie sie über ein Thema denkt?

Und möchte ich ihr wirklich das Vertrauen geben möchten, Medien für mich aufzubereiten? 

Botschaft zwischen den Zeilen
Das Thema der Objektivität ist in Medienkreisen stark diskutiert. Denn obwohl klar ist, wieso sie angestrebt werden sollte, so ist sie doch beinahe unerreichbar. Es geht über die menschlichen Möglichkeiten hinaus. Denn sogar wenn man beide Seiten in seinem Artikel anführt, so fühlt man sich unweigerlich zu einer Seite mehr hingezogen. Lesende lesen es zwischen den Zeilen. An der Art wie wir darüber schreiben, an unserer Wortwahl, die eigentlich objektiv sein sollte, aber es doch nie hundert prozentig ist.

Wir sind auch nur Menschen.

Objektivität statt Transparenz
Wäre es also nicht besser dem Leser gleich zu sagen, auf wessen Seite man steht? Ihm die Fakten vorzulegen, ihm mitzuteilen, wie man empfindet, und dabei zu erklären, wieso man zu diesem Entschluss gekommen ist? Wenn der Leser weiß, ob ich mitte-links, rechts-rechts oder links-links bin, dann kann er den Artikel lesen und für sich bewerten.

Wenn wir ehrlich sind, ist genau diese Transparenz mit ein Grund wieso Personen sich für gewisse Medien entscheiden. Sie wissen, was sie bekommen, wissen wo das Medium steht und wählen dieses bewusst aus, weil es die eigene Einstellung wieder spiegelt. Der Leser kann diese Infos nehmen und dann entscheiden, ob er meiner Meinung ist oder nicht.

Doch wieso darf ich das als gute Journalistin nicht leben?

Meinung unter dem Siegel der Objektivität
Stattdessen schreibe ich einen Text unter dem Siegel der Objektivität und beeinflusse den Leser unterbewusst, weil ich meine Meinung eben doch nicht gänzlich ausblenden kann. Eine Meinung übrigens, die auch toleriert wird, solange sie der kollektiven Meinung entspricht. Dann ist es in Ordnung, wenn sie durchscheint. Wirklich zum Problem wird sie erst, wenn sie nicht der Norm entspricht.

Objektivität in der Praxis
Ich schrieb im Jahr 2014 eine Reportage über das Rotlichtmilleau in Graz und die Frauen, die dort arbeiteten. Nach vielen Gesprächen mit ihnen, stellte ich den Vergleich an, dass es im Prinzip ganz normale Frauen waren. Frauen wie ich. Das war weder objektiv, noch war es eine kollektive Meinung. Und doch war es die wichtigste Aussage, die ich aus meiner Recherche mitnahm und der Welt mitteilen wollte. Ich wollte, dass meine Leser neben all den Tragödien, Probleme und Geschichten der Frauen genau das wussten. Dass sie waren wie wir.

Unpopuläre Meinung
Ich stieß für diese Aussage auf viel Kritik. Meine damalige Chefin vom Dienst erlaubte mir, sie im Text zu lassen, doch ich wurde immer wieder darauf angesprochen. Ob ich mich wirklich mit einer Prostituierten vergleichen wolle.

Noch heute kann ich zwei Sachen dazu sagen:

Erstens: Ja, will ich.

Zweitens: Ich bin der Meinung, dass diese Aussage meinen Text massiv bereicherte. Ich sagte meinen Lesenden damit, zu welchem Entschluss ich nach dieser intensiven Recherche kam. Ich teilte mit ihnen meine Erfahrung. Besonders wenn eine Journalistin in ein Thema eintaucht, zu dem die wenigsten Menschen Zugang haben, sind solche Erkenntnisse und Anmerkungen wichtig.

Objektivitität = eine gute Journalistin?
Also warum heißt es nicht, eine gute Journalistin muss fair sein? Sie muss weltoffen und neugierig sein und sie muss die journalistische Sorgfalt einhalten? Warum sagt niemand, eine gute Journalistin sollte transparent sein – anstatt sich eine Maschine als Vorbild zu nehmen?